Ich bin eigentlich ein Fan von Google. Ich mag deren Design, ich mag deren Hardware, ich finde sogar die User-Experience in deren Software wirklich angenehm (meistens). Anders, als andere große Tech-Firmen, achtet Google meiner Meinung nach noch auf Konsistenz (manchmal etwas zu sehr, siehe Angleichung der Google-App-Icons).

Google-Produkte zu nutzen, fühlt sich in der Summe immer recht ähnlich an. Und das ist etwas Gutes! Es gibt fast nichts, was mich mehr an der Bedienung und der Optik von Software nervt, als Inkonsistenz. Microsoft Windows ist ein starkes Negativbeispiel dafür. Da stecken einfach noch Uralt-Komponenten wie die Systemsteuerung aus Windows 7 in Windows 11 drin, wobei diese immer noch besser funktioniert als die Einstellungs-App, die jetzt als Nachfolgerin herhalten soll. Optisch und von der User-Experience sind das aber zwei verschiedene Welten.

Also, dann macht Google doch eigentlich alles richtig! Und ja, ich würde sagen, was das angeht, sollte man Google Props geben. Aber Google ist immer noch ein riesiger Tech-Konzern, und das ist dann doch vielleicht ein kleiner Haken.

Erste Zweifel

Es gab eine Zeit, da habe ich wirklich jedes neue Software-Feature eines Google-Produkts begeistert aktiviert und getestet. Da waren Sachen wie Google Fotos mit unendlichem Speicherplatz. Alle Fotos, sicher gespeichert in der Cloud, immer und von allen Geräten abrufbar. Da war Google Keep, Googles Notizen-App, in der ich tatsächlich mehrere Jahre regelmäßig Tagebuch geführt habe. Der Google-Assistant, Googles Sprachassistent, der immer nützlicher wurde. Google Home in Kombination mit Google Nest Minis usw.

Ich war begeistert. Und ich habe das Google-Ökosystem nahtlos in meinen Alltag integriert. Was kann da schon schiefgehen.

Es gab diese eine News-Story, die in mir dann zum ersten Mal Zweifel auslösten. Google hatte einer Frau ihren Account gesperrt, da eine automatisierte Bilderkennungssoftware in ihrem Google-Fotos-Speicher Strandbilder ihrer eigenen Kinder fälschlicherweise als kinderpornografische Aufnahmen missverstand. Die Frau versuchte dann, über den Google-Support ihren Account wieder freizugeben, jedoch ohne Erfolg.

Diese Story, frei aus dem Gedächtnis erzählt und daher vermutlich nicht ganz akkurat, ließ mich nachdenklich zurück. Was, wenn mir das auch passiert? Ein Fehler eines Bots und schon ist dein Account gesperrt. Für immer. Alle Erinnerungen, Fotos, Tagebucheinträge - weg.

All seine digitalen Habseligkeiten bei einer ausländischen Riesenfirma zu lassen, klang auf einmal nicht mehr ganz so nach einer guten Idee.

Meine Daten, meine kostbaren Daten

Ich machte mir zunächst nicht so viele Gedanken. Das ist bestimmt ein Einzelfall gewesen. Warum sollte das mir passieren? Ich habe nicht mal Kinder. Machtlosigkeit spürt man nicht, solange man zufrieden ist. Aber es war ja nicht nur das.

In den letzten zwei Jahren hat sich meine Einstellung gegenüber Privatsphäre und Datenschutz im Netz stark geändert. Ich sehe dieses Thema inzwischen nicht mehr so lasch, sondern sehr ernst. Und ich denke, es würde jedem so gehen, wenn er/sie sich damit einmal wirklich beschäftigt.

Warum sollte eine Firma alles über dich wissen dürfen? Und mit allem meine ich wirklich fast alles. Anhand der Google-Fotos-Galerie lassen sich so unendlich viele Rückschlüsse auf deinen Alltag, deine Kontakte und viele weitere eigentlich private Dinge ziehen. Und von dem Standortverlauf in Google Maps möchte ich gar nicht anfangen. Gebündelt kann Google damit vermutlich deine Gedanken lesen.

Man sollte sich fragen: Wem würde man bitte eine solch riesige Datensammlung über sich anvertrauen? Dem Partner oder der Partnerin vielleicht, wenn überhaupt. Aber sonst? Ich persönlich niemandem. Und schon gar keiner Firma, die sich anschließend auf Basis dieses Wissens an personalisierter Werbung bereichert.

Der Ausweg

Eine immer größer werdende Zahl an Menschen probiert sich derweil am Self-Hosting, und so auch ich seit zwei Jahren. Mein kleiner Home-Server ist ein wahres Multitool der Privatsphäre und ich möchte ihn auf keinen Fall mehr missen. Diverse Google-Dienste konnte ich damit bereits erfolgreich ersetzen und so meine Abhängigkeit von dieser Firma schmälern.

Allen voran Google Fotos und Google Drive. Stattdessen laufen auf meinem Server nun Immich und ein Samba-Share. Der Migrationsprozess war zwar recht steinig, aber jeder Meter hat sich gelohnt. Per VPN lässt sich beides auch bequem von unterwegs erreichen.

Auch Google Keep konnte ich mit einer lokalen Anwendung für Notizen ersetzen, wobei ich hier noch nicht 100%ig sesshaft geworden bin.

Ich glaube es selbst kaum, aber bis vor zwei Jahren nutzte ich noch aktiv Googles Passwortmanager, integriert in Google Chrome. Ein Vaultwarden-Server übernimmt nun dessen Job, und das mit Bravour.

Firefox und wahlweise DuckDuckGo oder Startpage ersetzen Google Chrome und die Google-Suche.

Die Spuren beseitigen

Jetzt sind die neuen Dienste zwar in Betrieb, aber die bestehenden Daten ja alle noch bei Google. Einfach alles markieren und löschen? In Google Drive kein Problem. Aber in Google Fotos? Das ist ein ganz anderes Level an Kundenbindung.

Es ist nicht möglich, alle Bilder auf einmal zu markieren und zu entfernen. Man kann zwar mehrere Bilder auf einmal löschen, aber wähl mal manuell über 70.000 Bilder an. Es ist also eher ein Marathon, kein Sprint.

Und bleibt noch die Frage, ob Google deine Daten wirklich löscht und nicht einfach behält, um Gemini & friends zu trainieren. Google bekommt aber zumindest keine neuen Daten mehr.

Ein weiter Weg

Nicht alles lässt sich mal so eben ersetzen. Da wäre zum Beispiel Android. Wenn man mit der Geschlossenheit von iOS nicht klarkommt, bleibt eigentlich nur der Griff zu Googles mobilem Betriebssystem. Im Grunde ist Android eigentlich sogar Open Source, aber eigentlich nur noch der Kern und ab September '26 dann auch noch für Apps von unverifizierten Entwicklern verschlossen. Die Alternative? Eine Custom-Rom, aber die kommt mit ganz eigenen Schwierigkeiten daher.

Google Maps ist auch unschlagbar in seiner Genauigkeit und Aktualität. Es gibt zwar gute Alternativen, aber eben keine so guten. Und manchmal braucht man eben genau das, was Google Maps liefert.

Die Smart-Home-Speaker von Google steuern mein Smart-Home per Sprachbefehl. Lichter-Gruppen oder Heizkörper an und ausschalten ist damit so einfach und entspannt wie noch nie. Hierzu gibt es einfach keine Alternative auf dem Markt, die einen nicht mindestens genau so in die Abhängigkeit treibt (Amazons Alexa oder Apples HomePods). Home-Assistants Sprachassistent scheint noch lange nicht so weit zu sein.

Und zu guter Letzt ist da noch die E-Mail-Adresse. Und ich schätze mal, dass dies die größte Hürde sein wird. Seitdem ich meinen ersten Google-Account erstellt habe (es muss so um 2012 herum gewesen sein), um auf YouTube endlich Videos liken zu können, ist die obligatorische Gmail-Adresse meine private Haupt-Mail-Adresse. Und die ist quasi überall drin. Überall da, wo man einen Account mit einer E-Mail braucht. Das müsste man dann auch alles einzeln anpassen. Tut mir leid, aber so viel Freizeit habe ich wirklich nicht.

Exodus

Der Name Google lässt sich in diesem Beitrag übrigens problemlos durch jeden beliebigen anderen Big-Tech-Konzern ersetzen. Ich will nicht den Eindruck erwecken, nur in Googles Ökosystem hätte man all diese Probleme. Es ist nur eben das, in dem ich derweil noch teilweise gefangen bin.

Wenn man sich also erst mal Gedanken macht, wo Google in deinem Leben überall seine Finger im Spiel hat, ist es schwierig bis unmöglich, es wieder zu verdrängen. Weg ist die Begeisterung über technische Neuheiten, da ist die maßlose Skepsis gegenüber Big Tech.

Es ist traurig, dass es nicht mehr möglich ist, Begeisterung für neue Innovationen im Softwareportfolio Googles zu empfinden. Immer schwingt dieses Bild des datenhungrigen, bösen Mega-Tech-Konzerns mit.

Da ist dieses Jucken, dass man nicht gänzlich unabhängig ist. Schritt für Schritt kämpft man sich nun da raus. Und je unabhängiger man wird, desto kleiner die Angst vor/Wahrscheinlichkeit von Machtlosigkeit. Mit anderen Worten: digitale Selbstermächtigung. Es ist noch ein weiter Weg, aber der Grundstein ist gelegt.