Mein aktuelles Handy neigt sich dem Ende seiner Lebenszeit zu und ich benötige so langsam ein neues. Mit dem Nothing Phone (1) habe ich vor 4 Jahren auch nur ein Mittelklasse-Gerät gekauft, da ist die Lebenserwartung sowieso nicht so hoch. Ich halte meine Smartphones immer so ungefähr 4 Jahre im Betrieb, dann muss ein neues her. Aber ich kaufe nie diese ganz teuren Dinger...1000 Euro für ein Smartphone? Warum braucht irgendjemand so etwas.

Naja. Auf der Suche habe ich mir überlegt, was es denn sein darf. Eigentlich funktioniert mein aktuelles Handy noch einwandfrei, es war mir nur von Anfang an zu groß. Mit 6,55 Zoll ist das Nothing Phone kein handliches Gerät. Es gibt aber leider echt keine kleinen Handys mehr auf dem Markt, vor allem im Android-Bereich. Klar, wir haben die Galaxy-S-Reihe von Samsung oder die Pixel-Reihe von Google. Aber das kostet dann auch wieder ordentlich Geld, und im Falle von Samsung scheint der Bootloader seit OneUI 8 auch nicht mehr entsperrbar zu sein.

Dann habe ich mir überlegt: Was wäre denn mal mit einem Gebrauchten? Da ist mir dann auch direkt LineageOS wieder eingefallen. Älteren Handys durch ein aktuelles Betriebssystem wieder neues Leben einzuhauchen hat mir schon immer Spaß gemacht.

Die Startseite von Lineage OS

Also schnell mal in die Liste der offiziell unterstützen Geräte reingeschaut und siehe da, einige etwas neuere Xiaomi Geräte werden bereits unterstützt! Das Xiaomi 13 ist das aktuellste und mit ca. 6,3 Zoll auch ziemlich kompakt. Kostet auf E-Bay rund 180 Euro. Spontan beim Zähneputzen also eins bestellt (ich habe einen guten Deal für 150 gemacht) und voller Vorfreude gewartet.

Schöne Hardware, miese Software

Ein paar Tage später kam es dann auch schon an. Kurzerhand das in Blubberblasenfolie eingepackte glänzende Ding ausgewickelt und begutachtet. Klar, Gebrauchsspuren waren zu sehen, aber für 150 Euro ein Steal! Es schien zudem hervorragend zu funktionieren. Meine Sim-Karte wurde erkannt und ich konnte Telefonate führen und das Internet besuchen. Wirklich ein schickes Gerät!

Aber die vorinstallierte Software? HyperOS 16 oder wie es heißt ist echt eine Sache für sich. Positiv anmerken muss ich dem Xiaomi-Android-Skin die Animationen. Alles ist flüssig und fühlt sich gut in der Bedienung an. Inspiration kam hier definitiv von iOS. Aber darunter eben immernoch good ol' Android liegt wirkt das ganze sehr inkonsistent.

Und dann ist da noch die ganze Werbung. Bloatware. China-Spionagesoftware. Viele der vorinstallierten Apps kann man nicht mal deinstallieren. Ich habe mir das Xiaomi 13 wirklich nur deshalb gekauft, weil es offiziell von LineageOS unterstützt wird, sodass ich dem ganzen Kram entgehen kann.

Der Wahnsinn beginnt

Was ist immer Schritt 1 bei jeder Installation einer Custom ROM? Genau, den Bootloader entsperren. Laut der offiziellen Anleitung, die ich mir natürlich bereits vor dem Kauf durchgelesen habe, wirkte dies recht straight forward.

  1. Xiaomi Account erstellen
  2. Auf dem Gerät damit in den Einstellungen anmelden
  3. In den Entwickleroptionen das Gerät mit dem Account für den Unlock verknüpfen
  4. Das offizielle Xiaomi Unlock Tool zum Entsperren verwenden

Von etwas Wartezeit war die Rede, aber ich hatte ja Zeit, mein aktuelles Handy lief ja noch. Der erste Stolperstein war Schritt 3. Sobald ich auf den Button zum Verknüpfen geklickt habe, bekam ich eine Fehlermeldung, ich solle doch für Hilfe in die Xiaomi Community App gehen.

Was ist diese Xiaomi Community App you might ask? Das ist eine dieser nicht deinstallierbaren Werbe-Bloatware-Spionage-Apps auf deinem Xiaomi Telefon. Ein kurzer Blick in die maximal unübersichtliche und schlecht designte App raubte mir direkt eine große Portion Hoffnung, dass ich heute abend noch werbefreies LineageOS auf meinem "neuen" Telefon genießen durfte.

Ein Ding der Unmöglichkeit

Ein Tutorial aus dem Internet half mir weiter: Man müsse doch erst seine App von regional (Deutschland in meinem Fall) auf Global umstellen. Wenn man das erledigt hat, erscheint ein neuer Menüpunkt mit dem Titel "Bootloader Unlock" unter deinem Profil. Darunter befindet sich dann wiederum ein Button, der bei Xiaomi einen Bootloader-Unlock anfragt. Ja. Man muss also Xiaomi erst um Erlaubnis bitten, seinen eigenen Bootloader zu entsperren.

Na gut, dachte ich, dann mache ich das halt eben und kann dann mit Schritt 3 fortfahren. Aber kein Button auf einem Xiaomi Handy ohne Fehlermeldung. Dieses mal sowas wie:

Das Limit für die täglich global zur Verfügung stehenden Slots für Bootloader-Unlocks ist aufgebraucht. Versuche es morgen um 0:00 Uhr (GMT+8) erneut.

Kurz auf die Uhr geguckt: Es war 19:30 Uhr. Das macht in Peking 1:30 Uhr nachts. Also waren alle Slots bereits 1 1/2 Stunden nach dem Reset schon belegt. Na gut. Dann halt einen Tag warten und etwas zeitiger die Anfrage stellen.

Einen Tag später saß ich dann um kurz vor 6 am Handy, um einen der Slots zu bekommen. Nach einem Klick um ein paar Sekunden nach 18:00 Uhr wurde ich aber wieder mit der bekannten Fehlermeldung begrüßt. Nur halt mit dem Datum des nächsten Tages. Waren wirklich alle Slots nach SEKUNDEN schon voll?

Recherche

Ich habe den ganzen restlichen Abend dann damit verbracht, in diversen Foren herauszufinden, was es mit der ganzen Sache auf sich hatte. Und siehe da, ich war nicht der einzige. Schlimmer noch, ich war nur einer von sehr sehr vielen.

Viele Menschen berichteten darüber, dass sie schon seit Tagen, Wochen oder manchmal sogar MONATEN jeden Tag versuchen, einen der begehrten Unlock-Slots zu bekommen. Ohne Erfolg. Und dieses Problem wurde wohl noch um einiges Schlimmer in den letzten drei Monaten. Davor fand ich hin und wieder User, die berichtet haben, dass sie schon noch ein paar Tagen einen Slot bekommen hatten. Aber diese Berichte ebbten dann vor ca. drei Monaten ab. Von da an nur noch Frust. Vermutungen stehen im Raum, dass Xiaomi nur noch wenige 100 oder garkeine Slots mehr bereit stellt.

Na toll. Der einzige Grund, warum ich mir ein Xiaomi 13 zugelegt hatte, war, dass es wohl offiziell die Möglichkeit gibt, ein alternatives Betriebssystem draufzuspielen. Und das war nun quasi unmöglich.

Not fördert Kreativität

Ja, was nun? Jeden Tag um Punkt 18.00 Uhr Lotterie spielen, in der Hoffnung, es dann in ein paar Monaten doch zu schaffen? Oder doch direkt wieder verkaufen und glücklich und Bloatwarefrei weiterleben?

So schnell wollte ich nicht aufgeben. Ich sah auf YouTube, wie einige gewitzte Inder (das Thema Custom Roms ist in Indien vieeeel größer als hierzulande) mit diversen Skripten die Anfrage möglichst genau timeten, um ihre Chance auf einen Slot zu erhöhen. Also direkt heruntergeladen und zum nächsten Zeitfenster direkt ausprobiert. Diese Skripte arbeiten mit einer von Xiaomi bereitgestellten API, um die Anfrage mit deinem Account zu stellen.

Geil, dachte ich, Problem gelöst. Aber Pustekuchen. Selbst mit einer perfekt getimten Anfrage (Latenz zum Server mit einberechnet!) um 0:00 Uhr Pekinger Zeit hatte man keine Chance. Aber wen wunderts. Ich vermute, inwzischen benutzt jeder diese Skripte. Menschen, die technikaffin genug sind, sich eine Custom Rom auf ihrem Handy zu installieren, sind auch technikaffin genug, um sich mit diesen Skripten einen Vorteil zu verschaffen. Der Vorteil wird dadurch natürlich wieder zunichte gemacht.

Epilog

Mein glorreicher Plan, spottbillig an das neue Lieblingshandy zu kommen, ist offiziell gescheitert. Ich werde nicht jeden Tag um 18:00 Uhr alles stehen und liegen lassen, um meine Sim-Karte in das neue Telefon zu stecken, nur um dann aufs neue enttäuscht zu werden. Mit anderen Worten hat Xiaomi damit sein Ziel erreicht: Deren ihren Spyware und Werbung ist weiterhin im Einsatz. Mission successful. Aber auch: User vergrault. Ich werde nie wieder ein Smartphone von Xiaomi in meinem Besitz wissen.

Wenn ich mit meiner Hardware nicht das machen kann, was ich möchte, dann ist es auch nicht meine Hardware. Die Suche nach einem neuem Handy geht also weiter...