Ich habe in letzter Zeit einige Politikfilme sehen müssen. Die meisten davon in der Sneak des hiesigen Kinos. Da waren Filme bei wie La Grazia, ein ruhiger Film über den aktuellen, fiktiven italienischen Präsidenten in den letzten Monaten seiner Amtszeit. Dann etwas aufreibendere Streifen wie Der Magier im Kreml mit Jude Law als Wladimir Putin (eine fragwürdige Besetzung, wenn man mich fragt).
Was die Filme oft stark unterscheidet ist die Herangehensweise an reale Themen. Während La Grazia rein fiktiv war, basierte Der Magier im Kreml selbstverständlich auf wahren Begebenheiten. Es wurde das Russland gezeigt, das nach dem Fall der Sowjetunion eine Identität suchte. Und mittendrin Wadim Baranow (fiktiv, angelehnt an Wladislaw Surkow), der Wladimir Putin in das Präsidentenamt verhalf.
Politik kann sehr langweilig sein, muss sie aber nicht. Wenn sie einem durchschnittlich an Politk interessiertem Publikum verdaubar und vereinfacht dargestellt wird, kann das Thema durchaus auch hier Anklang finden. Schwierig wird es da dann natürlich dann, wenn es durch Vereinfachung zu Verdrehung von Tatsachen kommt. Oder Verharmlosung.
Dass mit Wladimir Putin ein Kriegstreiber und Diktator einen Hollywood-Streifen bekommt, der ihn zwar nicht wie einen Helden darstehen lässt, ihn aber auch nicht großartig verurteilt, ist schon etwas fragwürdig. Aber die Macher:innen sahen es wohl als notwendig an, um eine spannende Geschichte zu erzählen. Mir hat der Film insgesamt trotzdem gut gefallen, auch wenn man ihm durchaus seine sehr einseitige, westliche Sichtweise anmerkt. Es wurde ein Weg gefunden, wie man das Publikum mit einem normalerweise recht trockenem Thema trotzdem abholt. Und das Stichwort dafür lautet Zugänglichkeit.
Warum Nürnberg anders ist
Nun war es also wieder Zeit für einen weiteren Politik- bzw. Geschichtsfilm. Nürnberg, mit Rami Malek und Russell Crowe in den Hauptrollen, erzählt die Geschichte der Nürnberger Prozesse, welche nach Ende des zweiten Weltkrieges stattfanden. Darin wurden in aller Öffentlichkeit die Überbleibsel des Nazi-Regimes diverser Verbrechen angeklagt. Der Holocaust war da natürlich ein großes Thema.
Aber kurz zu der Rollenverteilung: Rami Malek spielt Douglas Kelley, einen amerikanischen Psychiater, der die Angeklagten psychisch beurteilen soll. Und dann haben wir Russel Crowe als Hermann Göring, ehemaliger Reichsmarschall. Beide spielen ihre Rollen meiner Meinung nach äußerst überzeugend und gut.
Was mir direkt zu Beginn und vermehrt in der ersten Hälfte des Films auffällt: Die Tonalität ist irgendwie merkwürdig. Anders. Ungewohnt leicht und sogar etwas humorvoll für einen Film, der die schwersten Verbrechen der Menschheitsgeschichte behandelt. Zu diesem Zeitpunkt stieß mir das wirklich negativ auf, da ich das unpassend fand. Ich muss aber sagen, sie hatten mich mit dieser Herangehensweise aber bekommen. Ich blieb interessiert und sogar unterhalten (auch, wenn das Wort hier vielleicht unpassend ist).
Weitere hochrangige NS-Verbrecher wie Rudolf Heß und co. wurden wie Marvel-Bösewichte mit bedrohlicher Musik eingeführt. Wieder äußerst unpassend, aber unterhaltsam.
Es wurde sogar versucht, eine menschliche, gar freundliche und sympatische Seite von Göring zu zeigen. In den Gesprächen mit Psychiater Kelley wird gelacht und erzählt. Die beiden freunden sich sogar etwas an (auch, wenn das Kelleys Plan war, um mehr aus Göring herauszubekommen).
Das ganze gipfelt dann darin, dass die filmische und vor allem auch musikalische Inszenierung Hermann Göring als wirklich bedrohlich, mächtig und einschüchternd wirken lässt. Eben so wie einen Marvel-Bösewicht, den man als Bedrohung wahrnehmen muss, damit die platte Handlung funktioniert.
Auch hier dachte ich noch: Das passt nicht. Das ist die falsche Art, diese doch so bitterernste Thematik zu behandeln. Es ist geschmacklos.
Die Wende
Der Film hieße nicht Nürnberg, wenn die Prozesse an sich nicht ein großer Teil dieses Films wären. Beginnen tun die Verhandlungen in etwa zu Anfang der zweiten Hälfte. Das Publikum (und auch ich) war gehookt. Die Inszenierung spannend und der Höhepunkt des Films spürbar nah.
Doch dann macht dieser Film etwas Unerwartetes. Im Prozess damals wurden erstmals öffentlich Filmaufnahmen der Befreiung von diversen Konzentrationslagern gezeigt. Grausame Bilder, die man so schnell nicht mehr vergisst. Wichtige Bilder. Und genau diese Bilder, Originalaufnahmen, wurden dann hier auch ungeschnitten und ausführlich und unkommentiert gezeigt.
Noch nie habe ich in einem Film einen so krassen Tonalitätswechsel erlebt. Aus dem Marvel-Schurken-Aufgebot wurde auf einmal etwas Todernstes. Etwas wahrhaft Schreckliches. Die Bedeutung dieser Bilder wirkt in diesem Kontrast noch einmal schwerer.
Und Nürnberg lässt sich Zeit damit. Nachdem der Film das Publikum mit einer lockeren und zugänglichen Art abgeholt hat, zeigt er ihm dann das, was wirklich hinter den Verbrechen dieser Männer steckt. Alles was danach passiert, passiert vor dem Hintergrund der gerade gesehenen Aufnahmen.
Zum Ende hin versucht der Film eindeutig noch eine Message in Richtung der Amerikaner zu senden, der Film ist schließlich aus Hollywood. Übrigens: Der doch so übliche Amerika-Patriotismus in Kriegsfilmen bleibt hier größtenteils aus. Klar, die Amis sind natürlich die Guten, aber zu dieser Zeit war das vermutlich auch so. Anders als jetzt.
Der Mittelweg
Im Nachhinein betrachtet macht der Film also doch alles richtig, was die Tonalität angeht. Erst das Publikum abholen und dann Aufklären. Nebenbei unterhaltsam sein und ein sehr schwieriges Thema verständlich abhandeln. Klar, eine 6-stündige Doku auf dem History-Channel würde das alles vermutlich historisch-akkurater und angemessener behandeln, aber wer hat denn dafür schon Zeit? Überwiegt nicht vielleicht doch der größere Sinn der Erinnerungskultur dem richtigen Tonfall?
Wer die Holocaust-Aufnahmen bis jetzt noch nie gesehen hat, wird sie nun ganz sicher nicht vergessen. Und das ist gut so.